©2009 serge baghdassarians . produced by kangoofish . impressum

interview

ekkehard ehlers im gespräch mit serge baghdassarians; abgedruckt im programmheft des festivals "audio poverty" im haus der kulturen der welt, berlin 2009

ekkehard ehlers: was ist dein liebstes naturgesetz?

serge baghdassarians: es gab mal eine zeit, da hat fast jeder künstler, der was auf sich hielt, vom 2. hauptsatz der thermodynamik gesprochen, entropie war eines der modewörter schlechthin, obwohl nur die wenigsten über genauere kenntnisse verfügten. andere wiederum haben sich ihr leben lang an metaphysischen überlegungen versucht, ich denke da u.a. an simone weils christliche deutungen im zusammenhang mit der schwerkraft. in meinen arbeiten geraten preisgünstige, massenproduzierte dinge mithilfe von physikalischen grundprinzipien in einen "ausnahmezustand" - ob dies nun durch schwerkraft, zugspannung, luftdruck oder was auch immer geschieht, entscheidet keine vorliebe zu einem theorem, sondern die auswahl von materialien.

welcher motivation folgt das verwenden von poveren materialien?

im allgemeinen muss ein ding nützlich sein, in meinen arbeiten werden die dinge jedoch exzentrisch, weichen also ab von ihrer eigentlichen funktion, um somit für eine weile ein feld von möglichkeiten, oder besser: wirkungen zu definieren. beispiel: eine fußpumpe. jeder kennt doch dieses zähe Vergnügen beim aufpumpen eines Schlauchboots bei sengender hitze oder einer luftmatratze im "halbschlaf". bei "downbeat" wird die fußpumpe jedoch nicht getreten, sondern zusammengedrückt und mithilfe von klebeband "konserviert", bis der druck der stahlfeder im innern des blasebalgs diesem zustand ein fulminantes ende bereitet. darüber hinaus mag ich es zu beobachten, wie unterschiedlich sich solch ein massenprodukt unter gleichen voraussetzungen verhält. in diesem fall variiert der zeitpunkt des "ent-spannens", also dem reißen des klebebands, zwischen 10 minuten und etlichen stunden. ein grund, weshalb ich mit serien arbeite.

haben deine arbeiten eine sexuelle konnotation?

während einer unserer letzten begegnungen habe ich in bezug auf "downbeat" etwas lax von meiner ersten sm-arbeit gesprochen. vermutlich spielst du darauf an. nun, in dieser arbeit verschließe ich die öffnung der fußpumpe für die luftzufuhr mit einem gummiball. ich wollte das moment des eben bereits geschilderten entspannens verlangsamen, strecken, ein sich in zeitlupe entfaltender blasebalg. die verwendung des gummiballs mag an einen knebel erinnern, aber: ich beschäftige mich immer zuerst einmal mit den inhärenten eigenschaften eines materials oder gegenstands. die fußpumpe z.b. ist ein potentielles "kraftwerk". im moment des entspannens setzt sich eine aufgestaute energie frei, die an den seiten befestigten styroporhalbkugeln verstärken die entstehende reibung und generieren 2 sich überlagernde impulsketten. das resultat ist ein spezifisches zusammenwirken von kräften und materialien. mir reicht das. die von mir gebrauchten gegenstände sind jedoch allesamt vorbelastet. da kann ich einen noch so abstrakten, geometrischen oder wie auch immer sachlich gearteten aufbau wählen. und so verwundert es auch nicht, wenn meine arbeiten mit den unterschiedlichsten assoziationen interferieren. dror Feiler, ein israelischer komponist, reagierte auf "tertium comparationis", eine installation für pvc-Lineale und gummiringe spontan mit den Worten: "dies seien alles selbstmordattentäter". oder: eine zuschauerin, deren name mir leider entfallen ist, brachte "aerobic exercise" für rundballons, tropfenzähler und gummibänder mit einem junkie in verbindung, der sich, nach dem schuss, seines stauschlauchs entledigt. es zeigt sehr gut, wie die menschen gar nicht anders können, als ständig bilder zu erzeugen. es bleiben aber letztlich vorstellungen. durch den irreduziblen einsatz einfachster mittel versuche ich, dem betrachter einen unmittelbaren zugang zu der jeweiligen arbeit zu ermöglichen. und so kommt es dann zur überlagerung von zurückliegenden erfahrungen und gegenwärtiger wahrnehmung.

warum arbeitest du nicht mit computern und anderen klassischen utensilien der klangkunst?

ich habe den computer – das mischen und mastern von aufnahmen mal ausgenommen – noch nie verwendet, weder für meine elektronisch-musikalischen ausflüge noch für meine installationen. während einer usa tour mit meinem langjährigen kollegen boris baltschun waren wir überrascht von dem z.t. maroden stromnetz, speziell in californien. bis dato konzentrierte ich mich auf musik mit lautsprechern. doch von da an empfand ich es als reizvoll, installationen zu entwickeln, die sich zwar auf gewisse aspekte elektronischer musik beziehen aber dabei auf strom verzichten.- unplugged. die erste arbeit mit dem titel "brownout" für rundballons und einwegspritzen entstand dann in kooperation mit boris zu beginn des jahres 2005. mittlerweile ist der klangliche aspekt einer unter vielen, er steht nicht mehr so im vordergrund. drum vermeid ich auch den begriff klangkunst.

fast alle deine arbeiten befassen sich mit der zeit als dauer, negieren einen endgültigen zustand.

da ich größtenteils auf strom verzichte, sind meine installationen von begrenzter dauer, meist nur wenige stunden, seltener ein paar tage lang. der aufbau von beispielsweise "kritische masse" nimmt mehr zeit in anspruch als die tatsächliche "show". arbeit und latenz sind hier die entscheidenden stichpunkte. ich verrichte arbeit, um einen prozess in gang zu bringen. die arbeit manifestiert sich jedoch nicht in einem produkt, sondern verpufft während eines zeitraums wie die luft aus einem ballon. äußerst unökonomisch, zumal auch fotos die aktion nicht ersetzen, sondern lediglich dokumentieren. während die vorbereitenden, notwendigen maßnahmen dem zuschauer verborgen bleiben, offenbaren sich deren folgen durch - z.t. deutlich verzögerte - sicht- und hörbare reaktionen der objekte. bei "downbeat" ist die latenz so groß, dass die resultierenden folgen die vorhergehenden handlungen nahezu vergessen machen bzw. den hierfür verantwortlichen, nämlich mich, gleich dem besucher zum beobachter eines zusammenwirkens von material, zeit und energie werden lässt.
aber lass mich noch mal zum aspekt des ökonomischen zurückkehren. in bezug auf "kritische masse" gibt es da eine absurde geschichte. vor ein paar monaten versuchte ich eine größere zahl von tischtennisbällen zu kaufen. eigentlich nicht der rede wert, doch fand ich keine in meinem kiez. okay, dachte ich, die outdoor saison ist vorüber, ich muss etwas systematischer vorgehen - und endlich war ich dann auch im besitz dieser bälle. doch nun stellte sich heraus, dass die im vergleich zu den bereits vor monaten gekauften bälle einen durchmesser von 4 statt 3,8 cm haben. ich ging der sache auf den grund und stieß auf folgende geschichte. im jahr 2000 hatte sich der internationale tischtennisbund dazu entschlossen, den durchmesser um 2 mm zu vergrößern, um die fernsehtauglichkeit dieser sportart zu erhöhen. man erhoffte sich langsamere und längere ballwechsel und somit eine höhere attraktivität für die zuschauer daheim am bildschirm. doch wurden seitdem auch immer schnellere beläge entwickelt und auf den markt gebracht, sodass der erwünschte effekt ausblieb. ist das nicht herrlich? Da kann ich nur sagen, greift endlich selbst zum schläger anstatt nur zu glotzen, und an die funktionäre: versucht es doch mal mit ballons ...

verzögerung scheint ja auch bei "tape delay" ganz offensichtlich ein thema zu sein?

der akustiker spricht von einem echo, wenn die reflexion einer schallwelle so verzögert ist, dass man ein separates ereignis hört. in der natur bilden beispielsweise felswände eine optimal reflektierende fläche. im fall von "tape delay" gibt es weder ein eingangssignal noch eine reflektierende wand oder eines dieser gleichnamigen effektgeräte. stattdessen entrollen sich kreppbandrollen, um einen einfachen mechanismus immer wieder in gang zu setzen: das auseinanderziehen und zusammendrücken eines blasebalgs, extrahiert aus sog. kuhstimmen. erst am boden angelangt, ergänzen sich die eng benachbarten streifen zu einer fläche. doch zu hören gibt es dann nichts mehr. während eines "testdurchlaufs" kam mir eine textpassage aus "alphaville" in den sinn, in welcher lemmy caution zu alpha 60 sagt: "es handelt sich um eine vergangenheit, die zugleich die zukunft verkörpert, die auf einer geraden linie weiter verläuft und doch am ende einen kreis beschließt." man könnte meinen, er spricht über meine arbeit. wie dem auch sei, auch hier gibt es eine kleine anekdote am rande. in den vorbereitungen zu diesem festival versuchte ich, die richtige "bandgeschwindigkeit" zu evaluieren, damit das kreppband die von decke zum boden messende distanz von 6,80 meter innerhalb von 3 tagen hinterlegt. eines meiner lieblingsthemen: viskosität. je mehr kreppband sich auf der rolle befindet, desto schneller erfolgt die "abwicklung". das liegt vermutlich daran, dass der klebstoff in den innenbahnen besser haftet als außen, der gewichtsverlust ist hingegen marginal. die strecken pro umdrehung werden immer ein wenig kürzer, so ca. 1 mm. beim messen stellte sich heraus, dass eine rolle bei einer durchschnittlichen länge von 28 cm und 56 umdrehungen genau 15,68 m kreppband spendiert. auf der verpackung werden aber 20 m versprochen. nur gut, dass das haus der kulturen über keine 20 meter hohen decken verfügt, nicht auszudenken .... nach dem festival werde ich zu dem laden gehen und darauf aufmerksam machen. ich freu mich schon jetzt auf deren reaktion. wobei kein kreppband so gut läuft wie dieses hier –

wenn du mehr geld zur verfügung hättest, würden deine materialien teurer oder die installationen größer?

das ist eine gute frage, auf die ich z.z. nur antworten kann: gebt mit das entsprechende geld und ihr bekommt die antwort nachgereicht, da befindet sich noch einiges in der warteschleife.